Nun ist tatsächlich offiziell: Meine 16 jährige Tochter geht für das neue Schuljahr nach Deutschland, um dann dort 2019 ihr Abitur zu machen.
Nicht einfach als Mama, wenn die Grosse schon so früh das Haus verlässt, aber ich weiß, dass es die richtige Entscheidung ist.
Melina hegt schon seit Jahren den Wunsch in Deutschland das Abitur zu machen.
Die Entscheidung kann ich sehr gut verstehen, denn das Schulsystem ist hier sehr marode und veraltet:
Die Grundschule zieht sich in Griechenland über 6 Jahre, dann kommen 3 Jahre Gymnasium entspricht unserer Gesamtschule, dann 3 Jahre Lykeio, was dann mit der Abiturprüfung abgeschlossen wird. Verschiedene Schultypen gibt es hier nicht, und somit auch keine unterschiedlichen Schulabschlüsse.
Schon bei der Einschulung beginnt der Ernst des Lebens:
Der komplette Jahrgang wird hier eingeschult, Melina ist im Dezember geboren und wurde mit 5 Jahren als jüngste in ihrer Klasse eingeschult.
Kann- Kinder gibt es nicht – es besteht zwar die Möglichkeit das Kind später einzuschulen, jedoch kann man es dann nicht weiterhin in Kindergarten bzw. in die Vorschule schicken.
Das Kind ein Jahr zu Hause zu lassen empfand ich unsinnig, – und auch im Sommer nicht machbar, da wir ja beide Vollzeit arbeiten. Meine Schwiegermutter war zu diesem Zeitpunkt leider schon verstorben, sie hatte bis zu ihrem Tod im Sommer immer sehr unterstützt mit dem Babysitten. Also wurde Melina mit 5 Jahren eingeschult.
Die Einschulung verläuft hier recht unspektakulär:
Die Kinder wurden kurz und knackig vom Direktor begrüßt, per Nachnamen dann die in die Klassen eingeteilt und fertig war die Einschulung. Schultüten gibt es hier nicht, aber Melina bekam von uns eine klassische Schultüte, extra von Deutschland eingeflogen und ja, sie war sehr stolz.

Die Stimmung stieg bei mir zum Siedepunkt als ich die Toiletten am 1. Schultag besichtigte und verschmutzte und stinkende Stehklos vorfand.
Mein Entsetzen hielt sich über Monate und bereitete mir fast schlaflose Nächte. Oft sind wir im Affenzahn und quietschenden Reifen nach der Schule nach Hause gefahren, da Melina und später auch Emily sich schlichtweg weigerten auf die Schultoiletten zu gehen und es dementsprechend manchmal recht dringlich war.
Heute lachen wir alle darüber, aber damals fanden wir das nicht so witzig.
Einen Stundenplan kannten wir die ersten Schuljahre auch nicht:
Die Kinder bekamen schon in den ersten Schuljahren Massen an Büchern, die auch täglich mitgeschleppt wurden und eben das unterrichtet wurde, was den Lehrern gerade einfiel. Die Möglichkeit die schweren Bücher in der Schule zu lagern gab es natürlich auch nicht.
Von Beginn an wird hier richtig gelernt, spielerisch Lehrstoff vermitteln, gibt es nicht.
Es gab keine Sporthalle – hin und wieder Ballspiele auf dem Hof, – oft jedoch nicht, – der Auffassung der Lehrer nach war es entweder zu warm, zu kalt oder dann doch zu windig. Meine Kinder wurden also groß ohne Leichtathletik, Boden- oder Geräteturnen (wäre für mich ein Traum gewesen 😉 )
Auch bekommen die Kinder in der Grundschule nur Bestnoten, egal was für Leistungen sie erbringen,  Talente oder auch Lernbehinderungen bleiben somit oft lange unerkannt. Auch fand ich es zu der Zeit nicht komisch, als mir meine Tochter erzählte, dass die Lehrerin während des Unterrichts ihren Mann anrief und ihn bat die Wäsche reinzuholen, da es regnete. Klar ist mir bewusst, dass es in Deutschland auch schlechte Lehrer gibt, und auch das System dort seine Schwachstellen hat, genutzt hat es mir aber in meinen dunklen Momenten selten 😉
Unterstützende Lehrmaterialien wie Fotokopien wurden meist während des Unterrichts kopiert und die Kinder dann in der Klasse alleine gelassen, was oft im Chaos endete und somit natürlich auch wertvolle Unterrichtszeit verloren ging. Elternabende fanden auch grundsätzlich immer während der Schulzeit statt, die Kinder wurden in der Zeit freigestellt und spielten auf dem Schulhof. Mangelnde Lehrkräfte bzw. lange Krankenstände der Lehrer und Streiks führten oft dazu, dass die Kids unter sehr viel Druck und Tempo den Lernstoff infiltriert bekamen. Prüfungen werden ab dem Gymnasium also mit 11 oder 12 Jahren ,  zu jedem Schuljahresende geschrieben.  Die Schüler werden wochenlang von der Schule freigestellt um eigenständig für die Prüfungen zu lernen, – kann also eigentlich nur schiefgehen. Meine jüngere Tochter hatte mit ihrer Freundin letztes Jahr eine Lerngemeinschaft gegründet für die 1.Prüfung – fragt bitte nicht weiter nach 😉 Seit 2017 werden zumindest im Gymnasium nicht mehr alle Fächer geprüft, sondern nur noch die Kernfächer – ein kleiner Fortschritt.
Ach, auch noch ein Thema, was mir einen schnellen Puls beschert hat, waren die Schulausflüge: Man verbringt den Schultag entweder auf dem Parkplatz des Asklepion, oder fährt nach Mastihari oder Antimahia auf den Spielplatz. Die Lehrer trinken Kaffee, die Kids sitzen in der Ecke, da ja ein Spielplatz ja schon mehr oder weniger ab der 2. Klasse seinen Reiz verloren hat. Also ihr merkt, dass das griechische Schulsystem ist nicht unbedingt ein Thema, was mich zu Freudentränen rührt. Den Lehrern kann man nur wenig Vorwürfe machen, – das Gehalt eines Lehrers liegt bei ca. 800 €.  Seit Generationen gibt es in Griechenland das „Frontistirio“. Ein Privatunterricht bzw. erneuter Unterricht in einer Privatschule am Nachmittag. Es beginnt in der Grundschule mit Englisch. Es wird zwar in der Schule ab der 3. Klasse unterrichtet, jedoch nur sporadisch. Fast alle Kinder gehen ab der 1. Klasse in den privaten Englischunterricht am Nachmittag. Die Lehrer wissen das und unterrichten somit nur auf unterem Niveau. Die 2. Fremdsprache ( Deutsch oder Französisch) gibt es ab der 5. Klasse, aber da fehlen meistens die Lehrkräfte. Meine Mädels haben sich beide für Französisch entschieden, was aber kaum unterrichtet wird, da man keine Lehrer hat. Somit bekamen sie zwar immer eine Note  am Ende des Schuljahrs, hatten aber kaum bzw. gar keinen Fremdsprachen Unterricht und somit natürlich auch kaum Kenntnisse der 2. Sprache. Spätestens im Lykeio kommt dann noch Nachhilfe in weiteren Fächern hinzu. 95% der Schüler haben mehrmals die Woche nachmittags zusätzlichen privaten Schulunterricht. Ein Teufelskreis, die Lehrer unterrichten in der Schule wenig, um nachmittags zusätzliches Geld in den Privatunterrichten zu verdienen. Familien können sich aber immer weniger diesen zusätzlichen Unterricht leisten, somit gehen immer mehr Schüler ohne einen richtigen Schulabschluss von der Schule. Im Abitur Jahr kommen für die Eltern Zusatzkosten von durchschnittlich 500 – 600 € an Nachhilfe pro MONAT hinzu,  um überhaupt eine Chance zu haben, das griechische Abitur zu bestehen. Eine klassische Berufsausbildung gibt es in Griechenland nicht, es wird alles studiert. Auf Kos arbeiten fast alle Einheimische im Tourismus, was natürlich die Berufswahl extrem einschränkt, und ich denke der Grundstein für eine fundierte Ausbildung oder auch Studium ist in Deutschland mehr gegeben. Auch mir geht es mit der Entscheidung besser, sie in Deutschland in der Nähe meiner Eltern zu haben. Kos hat keine Universitäten, also müsste sie auf das griechische Festland, Kreta oder Rhodos zum Studieren. Von daher ist Deutschland bestimmt die richtige Entscheidung, aber sie fehlt mir jetzt schon und ich freue mich auf Weihnachten.  ❤

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